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Interview mit Bundestrainer Uwe Bönsch

Dresden, 26/07/2007
"Das Niveau dürfte nach der Olympiade besser sein als zwei Jahre zuvor"
Bundestrainer Uwe Bönsch blickt auf die EURO 2007 zurück und spricht über seine Hoffnungen und Ziele zur Schacholympiade 2008. (Ein Interview von Frank Große.)


Herr Bönsch, erzählen Sie uns doch ein wenig über die Aufgaben des Bundestrainers, zum Beispiel speziell während der Europameisterschaft.

Uwe Bönsch: Die Aufgaben des Bundestrainers sind ähnlich den Aufgaben des Bundestrainers in anderen Sportarten: Koordination des Trainings- und Wettkampfprogramms für Kaderspieler - ich bin für die Kader A, B, C zuständig. Hierfür versuche ich natürlich die Bedingungen zu verbessern. Ganz speziell während der EM habe ich Vorbereitungen auf die Partien mit einigen Spielern erledigt und auch die Nachbereitung betreut, aber auch psychologische Unterstützung gegeben. Ich fungiere ähnlich wie ein Sekundant, welcher aber im Normalfall nur einen Sportler betreut. Meine Aufgabe war es, mehrere Spieler der Nationalmannschaft - Männer wie Frauen - zu betreuen. Ich konnte diese Betreuung nicht so intensiv beziehungsweise in der Tiefe durchführen, da ich hier vor Ort der einzige hauptamtliche Trainer war. Ich hoffe, dass die Spieler durch meine Unterstützung bessere Ergebnisse erzielen.


Wie funktioniert die Vorbereitung bei innerdeutschen Duellen der Nationalmannschaft?

Uwe Bönsch: Da halte ich mich völlig raus und jeder muß selbst zu recht kommen.


Gibt es auch Spieler, die noch einen eigenen Sekundanten mitgebracht haben?

Uwe Bönsch: Das gibt es im Einzelfall (Ehe-)Partner oder Familienmitglieder, welche schachlich unterstützen, z.B. Vater und Bruder von Elisabeth Pähtz. Beide haben die Hauptarbeit der Vorbereitung übernommen und ich habe mich auf die psychologische Beratung konzentriert.Vera Jürgens wurde teilweise von ihrem Mann unterstützt.

Jan Gustafsson hat während der EM ein schnelles Remis gemacht. Geben Sie das als Vorgabe für die Qualifikation für den Weltcup oder lassen Sie den Spieler entscheiden, ob er nach dem Treppchen greifen möchte?

Uwe Bönsch: Das konnte er selbst entscheiden. Remis war das Minimalziel, mit welchem er sich begnügt hat. Damit ist er auf Nummer sicher gegangen und riskiert nicht die Qualifikation für den Weltcup. Bei einem Sieg hätte er durchaus noch die realistische Chance gehabt auf Platz 3 zu landen. Das Risiko, die Qualifikation in Frage zu stellen musste er hierbei aber abwägen. Seine Entscheidung, wie er sie getroffen hat, ist zu akzeptieren. Besser die Qualifikation für den Weltcup als am Ende mit leeren Händen dazustehen.


Welchen Einfluss hat das Endresultat auf die Besetzung der Nationalmannschaft zur Olympiade?

Uwe Bönsch: Es ist so, dass die Mannschaft zur Olympiade 2008 ca. ein viertel Jahr vor dem Wettkampfbeginn (Sommer 2008) nominiert wird. Dazu wird geprüft, wie die derzeitige Form, Ratingzahlen und Erfolge zu gewichten sind. Dazu kommen noch Faktoren wie Mannschaftsspielereignung oder das Ergebnis bei der EURO und weiterer Turniere, die bis dahin gespielt werden. Nach Auswertung dieser Bausteine bildet sich dann die Mannschaft.


Welche Spieler bei der EURO haben positiv bzw. negativ überrascht?

Uwe Bönsch: Bei Jan Gustafsson hat mich sehr positiv überrascht, dass er tatsächlich mit dieser Sicherheit - ohne eine Partie zu verlieren - bei 4 Siegen und 7 Remis das Turnier bestritten hat. Hier wird ein unglaublich starkes Turnier gespielt und er hat sehr viele starke Gegner gehabt, was man nicht vergessen darf. Arkadij Naiditsch hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er in der Lage ist, ganz vorn mitzuspielen. Er hat sich bereits zur EM in der Türkei 2006 für den Weltcup qualifiziert. Leider muß man sagen, dass es nicht so gut bei Thomas Luther verlief. Hier denke ich, dass er beim nächsten Turnier alles vergessen machen wird. Ich beobachte aber nicht nur die Spieler der Nationalmannschaft, sondern auch die Mitglieder der Jugendolympiamannschaft. Falko Bindrich hat egal wie die heutige Partie ausgeht Großmeisternorm und damit Titel erreicht, ebenso wie Georg Meier. Für beide habe ich mich riesig gefreut! Maria Schöne spielt ein sehr gutes Turnier und würde zur Zeit rund 40 ELO-Punkte gewinnen. Michael Prusikin spielt ein überragendes Turnier, hatte vor der letzten Runde +3 und spielt momentan noch. Artur Jussupow hat ein solides Turnier gespielt und Alexander Graf kann sich mit +3 noch qualifizieren. Bei einigen verlief es aber nicht so gut.


Was erhoffen Sie sich von der Schacholympiade 2008?

Uwe Bönsch: Ich erhoffe mir auch, dass einige Spieler noch einen Schwung erhalten. Man sieht es an den bisherigen Ergebnissen, auch bei Spielern, die nicht mehr ganz so jung sind: Alexander Naumann, Rainer Buhmann oder Michael Prusikin. Das sind alles Spieler, die nicht weit hinter den Spieler der Nationalmannschaft stehen und die durch den Kampf um die Plätze in der Nationalmannschaft auch noch die nötigen Reserven freisetzen. Ich erhoffe mir, dass es nochmals für die komplette Mannschaft einen Leistungsschub gibt, ebenso im Frauenbereich. Das Niveau der deutschen Spitzenspieler dürfte nach der Olympiade besser sein als zwei Jahre zuvor.

Rainer Buhmann hat sich vor kurzem entschieden, die Profikarriere anzutreten. Können Sie das empfehlen?

Uwe Bönsch: Es gibt sogar noch mehr, so z.B. Alexander Naumann, der sich entschlossen hat für 1-2 Jahre ganz auf Schach zu setzen. Er hat sein Studium abgeschlossen und möchte nun erst mal austesten, wie weit er beim Schach kommen kann. Danach könnte er in seinen Beruf einsteigen. Ganz ähnlich Rainer Buhmann, der eine abgeschlossene Berufsausbildung hat und jetzt - vielleicht nicht für immer - die schachlichen Grenzen austesten möchte. Es gibt noch weitere Beispiele, wie zum Beispiel Georg Meier, der sich fast ausschließlich mit Schach beschäftigt. Für Nachahmer würde ich genau den Weg empfehlen, den die so eben genannten bestritten haben: möglichst eine Berufsausbildung absolvieren und abschließen. Ich bin mir aber bewußt, dass dies enorm schwierig ist! Viele andere Schachprofis lassen das vollkommen sein, aber in Deutschland ist das nicht unbedingt ratsam nur auf Schach zu setzen. Man sollte zwar versuchen, das Maximum an Kräften in Schach zu investieren, aber daneben eine berufliche Ausbildung, da sonst später Schwierigkeiten auftreten können, in die freie Berufswelt einzusteigen. Eine Profikarriere im Schach kann zwar sehr lange dauern, aber wenn selbige nicht die gewünschten Erfolge zeigt, ist der spätere Einstieg ins Berufsleben wahrscheinlich sehr schwer bis unmöglich.


Können Sie sich in Deutschland einen Lebenslauf wie z.B. von "Magnus Carlsen" vorstellen?

Uwe Bönsch: Ich könnte mir vorstellen, dass bei entsprechendem Umfeld Möglichkeiten geschaffen werden können, die Schule nicht auf dem herkömmlichen Weg zu absolvieren. Wir haben im Sportgymnasium Dresden schon gute Bedingungen, dank der Schulstreckung oder der Möglichkeit, einen gewissen Zeitraum nur dem Sport zu widmen. Bei einem absoluten Superausnahmetalent könnte ich mir denken, dass es eventuell auch den Kultusbehörden in Deutschland möglich sein sollte, Ausnahmeregelungen zu finden. In Norwegen, das eine gute Schulausbildung vorweisen kann, wird dies ermöglicht und es gibt auch andere Länder, die diesbezüglich nicht so strenge Regelungen haben. Man liest immer wieder von Spielern, welche die Schule durch Fernunterricht oder mit Hilfe der Eltern absolvieren. In Deutschland gestaltet sich das schwierig, jedoch hoffe ich im Einzelfall auf eine Ausnahme. Magnus Carlsen wurde bereits im sehr frühen Kindesalter, wo er noch weit von seiner heutigen Spielstärke entfernt war, von seinem Vater auf internationale Turniere mitgenommen. Damit ist die Familie auch ein gewisses Risiko eingegangen, da nicht abzusehen war, dass der Junge tatsächlich den Sprung in die absolute Weltspitze schaffen würde. Es hätte auch sein können, dass er auf der Strecke stehen geblieben wäre und dann wäre es sicher schwer gewesen, ihn wieder in die Welt seiner Mitspieler zu holen. Ich hoffe, dass er mit entsprechender Hilfe den Schulabschluss absolvieren kann.


Schach in der Schule als reguläres Unterrichtsfach - wenngleich eventuell nur fakultativ - vorstellbar? In Russland gab es Universitäten wo ein Schachstudium abgeschlossen werden konnte - denkbar?

Uwe Bönsch: Es wäre ein Traum für mich, wenn es uns gelingen würde, Schach flächendeckend in Schulen anzubieten, sicher nicht als Pflichtwach, aber noch ein Stück näher als die Schulschach-AG. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass es für die Entwicklung eines Kindes von Vorteil ist, wenn es sich im Laufe des Lebens irgendwann einmal mit Schach befasst hat und die Regeln erlernt. Mit Schach können bestimmte Eigenschaften entwickelt werden. Eine aktuelle Studie der Universität Trier untersucht die Entwicklung von Kindern, die in Vergleichsklassen Schach lernen beziehungsweise nicht. Es gab deutliche Unterschiede in der weiteren Entwicklung. Ein höherer Prozentsatz von den Kindern die Schach gelernt haben, hat einen besseren Start ins Leben, da der Sprung ins Gymnasium geschafft wurde und bessere Noten erzielt werden konnten. Ein Beispiel für "Schach als Unterrichtsfach" ist die Türkei. Dort ist es in den letzten 3-4 Jahren gelungen, 1,5 Millionen Kindern Schach beizubringen, was eine gewaltige Kraftanstrengung gewesen sein muß.

Was fehlt in Deutschland für Ihren Traum?

Uwe Bönsch: Um in die Schulen hinein zu kommen, ist eine Akzeptanz der Kultusministerien erforderlich. Das positive Gesamtimage wird gern für Werbung oder in alltägliche Redewendungen angewendet. Das zeigt wie tief Schach in Kultur, Sprache und Bevölkerung verwurzelt ist. Es ist aber ein ganz anderer Schritt, Schach tatsächlich in den Schulen als Fach zu installieren. Hier ist noch viel Anstrengung über Überzeugungsarbeit nötig. Bedingt dadurch, dass Schüler in der Schule nicht unterbeschäftigt sind ist es schwierig, dem großen Angebot an Ausbildungsrichtungen und -fächern ein weiteres Fach hinzuzufügen. Was ich mir vorstellen könnte, wäre ein fakultatives Fach "Schach". Des weiteren bin ich davon überzeugt, dass eine Durchdringung der Gesellschaft notwendig ist, um die Spitze im Schach zu verbessern. Das ist das Geheimnis der "Russischen Schachschule", der seit ca. 80 Jahren gelungen ist, Schach derart populär in allen Ebenen der Gesellschaft zu machen. So bleibt es nicht aus, dass eine große Spitze daraus erwächst. Wir versuchen dies momentan durch eine gezielte Förderung zu kompensieren.

Was die Popularität des Spitzenschachs anbelangt, hat die FIDE in den vergangenen Jahren sehr unglücklich agiert. Die häufigen Änderungen der Austragungsmodi und Zyklen der Weltmeisterschaften hat den Wettbewerb entwertet. Bewährtes wurde zu schnell über Bord geworfen. Die Bevölkerung verbindet Schach mit schwierigen und langen Wettkämpfen wie z.B. Fischer - Spasski oder Karpow - Kasparow. Insgesamt wird Schach nicht mehr so sehr mit Personen oder Gesichtern verbunden und verliert deshalb an Wiedererkennungswert. Auch die Spieler können sich durch diese ständigen Änderungen schwieriger entwickeln.


Zurück zum Anfang zum Weltcup. Dieser findet in Sibirien statt - welche Unterstützung gibt es vom DSB für die Spieler, die sich qualifiziert haben?

Uwe Bönsch: Im Rahmen des Förderprogramms werden die Spieler in Training und Wettkampf finanziell, personell und mit allem was sonst nötig ist unterstützt. Ich selber werde vermutlich ebenfalls vor Ort sein und dort Unterstützung leisten. Welche weiteren finanziellen Möglichkeiten sich uns bieten, bleibt bis dahin abzuwarten. Der DSB unternimmt im Rahmen seiner Möglichkeiten alles, um den Erfolg zu optimieren ...


... d.h. Unterkunft und Flug etc. werden vom DSB übernommen?

Uwe Bönsch: Das bleibt abzuwarten und hängt von den Konditionen vor Ort ab. Manchmal übernimmt der Veranstalter Kosten, was aus der Einladung ersichtlich wird. Hier wird geprüft, was zumutbar ist und wieviel wir dem Spieler bereits auf anderem Wege bieten. Was möglich ist, werden wir tun und man kann das nicht pauschal beantworten!


Vielen Dank für das Interview und vergessen Sie in Khany-Mansiysk Mantel und Mütze nicht!

Uwe Bönsch: Danke! Wir fliegen in ein hochmodernes Gebiet, das zu einer finanziell reichen Gegend Russlands zählt. Schauen wir mal, wie es wird...


Das Interview führte Frank Große für http://www.schachlinks.com.