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Pressekonferenz zehnter Spieltag

Dresden, 23/11/2008

Die späte Pressekonferenz am vorletzten Spieltag sah die beiden Supergroßmeister Peter Leko und Magnus Carlsen als Gäste, die derzeit gemäß ihrer Elozahl die Weltranglistenplätze neun und vier belegen.



Da Susan Polgar auf dem „Dinner for the Champions“ mit Anatoly Karpov und Boris Spasski weilte, wurde die Sitzung vom Pressereferenten des Deutschen Schachbundes, Klaus-Jörg Lais geleitet.

Die ersten Fragen gingen an Magnus Carlsen. Mit seinen 17 Jahren ist er aufgrund seiner Popularität in Norwegen und rund um den Globus schon recht medienerfahren.

 

 

„Es gefällt mir natürlich, wenn man mich mag, aber Presseauskünfte sind trotzdem nicht meine Lieblingsbeschäftigung“. Nach seinem Werdegang in Simen Agdestein’s Schachschule befragt machte Carlsen klar, dass er Schach hauptsächlich im Selbststudium betrieben habe. „Aber die Schule läuft gut, wir haben zwei weitere Spieler in der Mannschaft, die dorthin gehen. Nach Rückkehr von der Olympiade gehe ich auch wieder in die schule wie jeder andere“. Die inoffizielle nordische Meisterschaft spielt nur eine untergeordnete Rolle, Magnus versucht einfach gutes Schach zu spielen, was ihm heute gegen dem Schotten Jonathan Rowson einmal mehr gelang.


Peter Leko ist mit dem Abschneiden seiner Ungarn nicht zufrieden: „Eigentlich erübrigt sich die Frage, denn wir haben heute auf Tisch 10 gespielt. Wenn man sich einen Platz unter den ersten Sechs zum Ziel gesetzt hat, dann ist das natürlich enttäuschend. Wir sind eigentlich mit der stärksten Mannschaft hier, was 2002 zum letzten Mal der Fall war. Damals haben wir Silber geholt. Aber anscheinend müssen wir auf die nächste Olympiade warten“. Nach seiner Meinung zu den Regelneuerungen befragt, äußerte der souverän wirkende Ungar: „Die 30-Züge Regel ist nicht die Schlechteste. Andererseits waren Olympiaden noch nie für schnelle Remisschiebereien bekannt. Ich habe schon mehr Probleme mit der Bevorzugung der Matchpunkte und dem Paarungssystem. Elf Runden sind zu kurz, außerdem haben wir zum Beispiel gegen solche Topteams wie die USA und Ukraine gespielt, als wir gar nicht so gut lagen, während andere Teams wie zum Beispiel Neuseeland plötzlich ganz vorne dabei waren, weil sie zuvor leichtere Gegner hatten“. Über die Bestrafung durch Partieverlust bei zu Spätkommen hat Peter auch eine interessante Meinung: „Einige Teams müssen sehr früh Richtung Spielsaal aufbrechen und warten dann 45 Minuten, das ist auch nicht optimal. Andererseits kann ich zum Beispiel die Sponsoren bei Topturnieren verstehen, die ins rechte Kameralicht gerückt werden wollen und die Fernsehteams dafür nur die ersten 15 Minuten einer Partie Zeit haben“.


Magnus Carlsen ist einer der von der Regeländerung Betroffenen: „Ich bereite mich gerne kurz vor der Partie noch vor, da bin ich früher öfters zu spät gekommen. Aber ich kann damit leben, hier ist es mir noch nicht passiert“.

Wie sie den freien Tag verbringen werden wollte der Moderator von den Beiden wissen. „Am ersten freien Tag haben wir Tennis gespielt, das wollen wir morgen auch wieder“. Der gewandte Peter Leko bedauerte es nicht mehr von Dresden gesehen zu haben: „Ich freue mich, dass die Olympiade hier war, man hat mir soviel Schönes von Dresden erzählt und ich muss sagen, es ist wahr! Das historische Zentrum ist fantastisch! Leider hatte ich viel zu wenig Zeit, ich musste mich auf meine Partien konzentrieren.“ Einen Kritikpunkt hatte Peter auch: „Ich habe mich ab und zu mit meiner Frau getroffen, um ihr zum Beispiel den Autoschlüssel zu geben. Schon durfte ich nicht mehr in den Spielsaal zurück. Jetzt habe ich meine Spezialwege, wo die Ordner nicht ganz so streng sind…“


Die Fragen, ob er besonderes Talent besitze oder was ihn von anderen Menschen unterscheide konnte Magnus Carlsen nur zögernd beantworten: „Ich weiß nicht, ob es bei mir eher Talent oder Arbeit war, es hat mir einfach immer Spaß gemacht, da ist der Übergang von Spiel zu Arbeit fließend. Wenn es mir keinen Spaß mehr machen würde, gäbe es keinen Grund weiterzumachen“.

Wie beide mit dem Turniersaal und der Anzahl Zuschauer umgehen könnten wurde nachgefragt: „Bei großen Turnieren gibt es immer viele Zuschauer, ich kann es aushalten“ meinte Carlsen lakonisch. Erstaunlich, denn um sein Brett sind in der Regel die meisten Zuschauer geschart, manchmal laufen auch Fernsehkameras mit. Peter Leko äußerte „Ich war so auf mein Spiel fokussiert, dass ich gar nicht gemerkt habe, was die Organisatoren hier so alles auf die Beine gestellt haben.“ Dabei sah er so aus, als er auch gerade erst das Pressezentrum entdeckt hatte.


Ob sich Leko schon als „alt“ zwischen der Menge von unter 20jährigen Großmeistern fühle fragte ein Journalist.

 

 

„Was heißt alt? 1996 habe ich mal mit Anand trainiert, da war ich schon zwei Jahre Großmeister. Da ist mir auch mal irgendwann rausgerutscht ‚als ich jung war’. Vishy sagte: ‚Wie meinst du das? Was soll ich da sagen?’ - er ist ja zehn Jahre Älter als ich und war damals 26. Oder wenn ich gegen Viktor Kortschnoi spiele wie heute kann ich mich jung fühlen. Ich bin wohl in der Mitte. Aber im Schach ist nur entscheidend, ob man gute oder schlechte Züge macht, nicht das Alter!“

Zum Match Anand - Kramnik befragt, wo er Kramnik sekundierte gab sich Leko zurückhaltend: „Dass da etwas schief lief ist offensichtlich, aber ich kann jetzt nicht in die Details gehen. Wenn das Match länger gedauert hätte, hätte Kramnik wohl noch mal Chancen bekommen, aber so hat es Vishy souverän nach Hause gebracht.“


Magnus Carlsens Ziel ist mittelfristig natürlich der Weltmeistertitel. Ob der schachliche Reiz irgendwann durch Computerberechnungen bis zum letzten Zug verloren geht wurden beide Großmeister am Schluss gefragt. „Da bin ich nicht sicher, die notwendige Vorbereitung wird immer aufwändiger, aber ich mache mir da keine Gedanken, ob das Schach irgendwann tot ist. Auch das Leben ist endlich. Ich habe mich schon seit 1996 mit Fischer Schach 960 beschäftigt und finde das interessant. Für einen schwächeren Spieler wird allerdings die Chance noch geringer zu punkten, weil es keine Theorie gibt. Vielleicht ist das Fischer Schach 960 die Lösung, es hat auf jeden Fall eine Menge mit dem ursprünglichen Schach gemeinsam. Aber insgesamt sehe ich die Gefahr für das klassische Schach nicht so dramatisch.“

Und Magnus Carlsen ergänzte: „Soweit ich weiß, hat man schon zu Zeiten Capablancas das Ende des Schach prophezeit, aber wir spielen immer noch.“


Text: Peter Dengler
Fotos: Georgios Souleidis


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